Hausgeburt - Bist Du verrückt!?

 

Beim ersten Kind keine Angst vor der Geburt? Da kannte ich eigentlich niemanden als ich schwanger wurde, mich natürlich eingeschlossen. Ich wollte immer Familie und Kinder, aber die Vorstellung einer Geburt ließ mich schaudern. Sogar werdenden Vätern merkte man die innere Anspannung an wenn man das Thema auf den Tisch brachte. Sich zur mentalen Vorbereitung Videos ansehen kam für mich keinesfalls in Frage, keine Sekunde konnte ich sowas ertragen!


Und dann kam er, der Tag an dem die Frauenärztin mir lächelnd zur Schwangerschaft gratulierte. Ich war zu Tränen gerührt vor Glück und konnte es gar nicht fassen und zwei Gedanken rasten mir beim Verlassen der Praxis durch den Kopf. Der erste war an mein Kind gerichtet: „Ich werde dich immer beschützen!“, der zweite holte mich auf den Boden der Tatsachen zurück: „Oh Gott, jetzt gibt es kein zurück, ich muss es auch zur Welt bringen!“😀


Seitdem gab es in der Schwangerschaft immer wieder Tage an denen ich ängstlich daran denken musste. Doch dann kam alles anders. Meine Mutter gestand mir, dass sie so froh gewesen wäre, wenn sie eine Hebamme gehabt hätte, die ihr schon in der Schwangerschaft und auch in der Zeit danach beigestanden hätte und fragte mich, ob ich gern eine haben würde. Zuerst zweifelte ich, doch dann wollte ich einfach mal sehen, ob mir eine Hebamme in unserer Nähe sympathisch wäre.


Ich hörte von Marlene Rachl und der Hebammenpraxis Gaia und vereinbarte einen Termin.
Schon bei unserem ersten Treffen dachte ich, dass diese Frau das mütterlichste Wesen war, das mir je begegnet ist. Die Mutter von acht Kindern strahlte eine ungeheure Wärme, Energie, Geduld und Erfahrung aus. Je besser wir uns im Laufe meiner Schwangerschaft kennenlernten, desto mehr Respekt, Achtung und Freundschaft empfand ich für diese starke Frau. Mir war wirklich nicht bewusst, dass eine Hebamme so viel für Mütter leistet! Diese Frauen sind da und hören zu, helfen bei Fragen, Ängsten, Schmerzen, untersuchen einen auf eine weit angenehmere Art als es wahrscheinlich die allermeisten Ärzte vermögen und scheinen für jedes Baby Liebe empfinden zu können. Ich kann an dieser Stelle sicher nicht für alle Hebammen sprechen, mit Sicherheit aber für die aus der Hebammenpraxis Gaia in Taufkirchen an der Vils!

Irgendwann stand natürlich auch der Geburtsvorbereitungskurs an, den mehrere Hebammen leiteten. Dieser Kurs war wie ein Geschenk für mich. Ich lernte so viel über mein Kind und meinen Körper, die Geburt und die Veränderungen in der Schwangerschaft, dass ich mit jedem Termin mehr Vertrauen in mich selbst und meine Kraft für die anstehende Geburt bekam. Außerhalb des Kurses lernte ich noch etwas: Eine Geburt ist leider nicht für alle Frauen etwas Selbstbestimmtes. Ich lernte Frauen kennen, die mir von unsympathischen Hebammen in Kliniken, Schichtwechseln oder völliger Abwesenheit helfender Hände aufgrund von Überbelegung erzählten. Davon, dass sie gedrängt wurden in bestimmten Positionen zu gebären, davon, dass sie psychischem Druck ausgesetzt wurden damit ihren Babys kurz nach der Geburt bereits die ersten Medikamente verabreicht werden konnten, davon, dass sie tagelang zwischen Wehenhemmern und Mitteln zur Einleitung vegetierten, bevor die Geburt begann. Ich hörte unfassbare Geschichten, die Frauen mit angsterfüllten, wütenden, fassungslosen oder beschämten Blicken erzählten. Zeitgleich wurden wir in unserem Geburtsvorbereitungskurs dafür gerüstet, dass all dies passieren kann und wie wir damit umgehen könnten wenn wir unsere Kinder in einem Krankenhaus oder einer Klinik zur Welt bringen wollen würden. Unsere Männer oder Begleitpersonen erfuhren wie sie uns in dieser sensiblen, kraftraubenden Situation in unseren Entscheidungen und Wünschen gegenüber dem Personal unterstützen könnten.


Vor- und Nachteile aller Geburtsstätten wurden ausführlich besprochen und natürlich wurden auch die Vorteile einer Klinik- oder Krankenhausgeburt angeführt, aber eben auch die damit verbundenen Risiken, die definitiv nicht zu unterschätzen sind, von multiresistenten Keimen bis hin zu einer Geburt im Alleingang.

 

Ich konnte nach Abwägung aller Fakten nicht verstehen, warum es so viele Frauen in Krankenhäuser zieht um ihr Kind zu bekommen. Ich wollte bei der Geburt von Hebammen begleitet werden, denen ich voll vertraue und die mein Kind und mich schon monatelang kennen. So reifte in mir mehr und mehr der Gedanke an eine Hausgeburt. Unser Haus hatten wir erst ein paar Monate zuvor bezogen, ein schönes, gemütliches Nest, kein Anfahrtsweg, die Strecke in die Klinik für den Notfall nicht zu weit. Ich sprach zuerst mit einer inzwischen lieben Freundin, die sich von vornherein eine Hausgeburt gewünscht hatte darüber, was sie dazu bewegte. Danach sprach ich mit meinem Mann über das größer werdende Gefühl in mir, dass das für uns das Richtige sein könnte. Er hatte, wie ich anfangs auch, Ängste, war aber bereit, mehr darüber in Erfahrung zu bringen. Mit meinen Hebammen Eva Landersdorfer und Marlene Rachl vereinbarten wir einen Gesprächstermin und erfuhren zunächst einmal, dass so eine Hausgeburt definitiv nur unter optimalen Schwangerschaftsbedingungen von ihnen begleitet werden würde. All unsere Fragen beantworteten sie ehrlich und besprachen mit uns Ängste wie auch Organisatorisches. Danach fiel die Entscheidung – wir wollen eine Hausgeburt. Von da an mussten wir auch mit Gegenwind rechnen. Von  Freunden, Familie, Ärzten und und und. Wir haben uns umfassendst informiert und für uns stellte eine Klinikgeburt ein höheres Risiko dar. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass jede Frau, jede Familie das für sich entscheiden muss. Was für uns das Richtige war, muss es nicht für jeden sein. Das Wichtigste ist, dass sich alle Beteiligten und in erster Linie die werdende Mutter wohl und sicher fühlt! Für mich entstand dieses Gefühl bei dem Gedanken an eine Hausgeburt.

 

Das das klappt war aber alles andere als klar, unsere Tochter sollte Ende Juli zur Welt kommen und Eva und Marlene sagten uns gleich offen, dass sie sich aufgrund der extrem widrigen Versicherungsbedingungen nur noch bis Ende Juli für die Betreuung von Hausgeburten versichert hätten. Außerdem lag unsere kleine Julia noch in Beckenendlage im Bauch, damit würden sie die Hausgeburt ebenfalls nicht betreuen. Ich spürte aus irgendeinem Grund trotzdem keinen Zweifel, dass alles klappen würde und wir trafen uns an einem sonnigen Tag auf unserer Terrasse für die Risikoaufklärung. Es war ein langes Gespräch, bei dem alle Fälle, die Auftreten könnten erläutert wurden. Wir erfuhren, wann die Hausgeburt nicht stattfinden könnte, wann sie abgebrochen werden müsste, was bei jeder Geburt für Risiken bestehen. Wir erfuhren, welche medizinische Versorgung durch die Hebammen geleistet werden konnte, mussten uns über die minutengenaue Anfahrt zur Kinderklinik wie auch über die Dauer bis zum Eintreffen eines Rettungswagens ebenso informieren wie auch schriftlich festzuhalten welche die Kliniken waren, die den kürzesten Anfahrtsweg bedeuteten. Telefonnummern aller betreuenden Ärzte wurden ausgetauscht, eine letzte ärztliche Untersuchung vor der Geburt sollte eine Oberärztin in der Klinik vornehmen. Darüber hinaus erfuhren wir, was für Papierkram bei den Behörden durch uns erledigt werden musste und welche Vorkehrungen für die Geburt wir Zuhause treffen sollten.

 

Jetzt begann das Warten auf die Drehung unserer Tochter. Wir zitterten, moxten, ich ging zum Osteopathen, machte Yogaübungen. Julia machte es spannend und drehte sich pünktlich in der Nacht vor der Vorstellung in der Klinik. Die Oberärztin beglückwünschte uns zu unserer vitalen, in Schädellage liegenden Tochter und erklärte, dass einer Hausgeburt nichts im Wege stünde. Ich sprühte vor Glück und rief als erstes strahlend Marlene an, die mich inzwischen fast täglich unterstützte. Diese Nachricht gab mir so eine unbändige Kraft, dass ich kurz vor der Geburt noch meine Bachelorarbeit fertig schrieb und sogar zwei Tage nach dem errechneten Geburtstermin noch eineinhalb Stunden zur Uni fuhr um meine Disputation hocherfolgreich abzuschließen. Ich hatte das Gefühl nichts, aber auch wirklich nichts könne meine innere Stärke brechen.

 

Wenn ihr wissen wollt wie spannend, lustig und gemütlich die Geburt dann wurde, lest hier weiter!